Referent Christian Klauwer, Oberarzt für Neurochirurgie Bildquelle: LA-Regio Kliniken
Ein gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse verursachte bei einem Landshuter Lehrer einen lebensbedrohlichen Hormonmangel. Ein neurochirurgischer Eingriff durch die Nase schenkte ihm neue Lebensqualität.
Landshut-Mitte pm (05.12.2026) Zeitung lesen gehört für Hubert Ecker (Name geändert) morgens immer dazu. Bis er eines Tages die Artikel plötzlich verschwommen sah. „Lesen war auf einmal sehr anstrengend. Ich musste mich extrem konzentrieren“, erzählt der Lehrer im Vorruhestand.
Hinzu kam, dass er sich schwach fühlte, antriebslos und ständig Infektionen hatte, obwohl er immer fit gewesen war. Auch konnte er nur noch kleine Mengen essen. Sein Umfeld bemerkte schnell, dass mit Ecker etwas nicht stimmte, während er die Beschwerden auf die Arbeit und sein Alter schob. Bis er zu Hause zusammenbrach und nicht mehr aufstehen konnte. Er kam ins Krankenhaus, der Befund: ein blutendes Magengeschwür, ein Riss in der Speiseröhre und ein geschwollenes Knie. Doch war das die Erklärung für all seine Symptome?
Der Chefarzt der Anästhesie in der Klinik Vilsbiburg schaute genauer hin und entdeckte im Blutbild einen extrem niedrigen Natriumwert (Hyponatriämie). Er ordnete ein MRT des Schädels an. Und tatsächlich: An der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zeigte sich eine Veränderung, die dort nicht hingehörte.
Verdachtsdiagnose:
Hypophysenadenom.
Kleines Organ mit großer Wirkung
Die Hirnanhangsdrüse ist nur so groß wie ein Kirschkern und sitzt an der Unterseite des Gehirns, doch sie ist lebenswichtig. Sie besteht aus einem Vorderlappen, der Adenohypophyse, die Hormone bildet, die andere Hormondrüsen im Körper (wie Schilddrüse und Nebennieren) steuern, und einem Hinterlappen, der Neurohypophyse, die Hormone speichert und ausschüttet, die im Hypothalamus gebildet werden. Hierzu zählen Oxytocin, bekannt als „Kuschelhormon“ (fördert Bindung und löst Wehen aus), und Vasopressin (reguliert den Wasserhaushalt). Als zentrale Schaltstelle des Hormonsystems steuert die Hypophyse damit Wachstum, Fortpflanzung und Stoffwechsel.
Ein Tumor an dieser Stelle ist in den allermeisten Fällen gutartig. Trotzdem kann er lebensbedrohlich werden, wenn er die Funktion der Hirnanhangsdrüse beeinträchtigt. Genau dieser Hormonmangel erklärte auch Eckers Beschwerden – einschließlich der Hyponatriämie: Produziert die Hypophyse zu wenig ACTH, schütten die Nebennieren zu wenig Cortisol aus. Cortisol hemmt normalerweise das antidiuretische Hormon (ADH). Fehlt es, steigt der ADH-Spiegel, die Nieren halten vermehrt Wasser zurück – und der Natriumwert im Blut sinkt entsprechend.
Ein Fall für die Neurochirurgie der LA-Regio Klinik Landshut-Mitte, in die Ecker anschließend verlegt wurde. Zwar lassen sich manche Gehirntumoren auch medikamentös behandeln, in seinem Fall führte daran jedoch kein Weg vorbei. „Sobald Sehstörungen durch den Druck auf die Sehnerven auftreten, muss zügig operiert werden. Je länger die Symptome vor dem Eingriff bestehen, desto größer ist das Risiko, dass sie sich nicht mehr vollständig zurückbilden“, erklärt Privatdozent Dr. Dino Podlesek, Chefarzt der Neurochirurgie.
Vor der OP musste Ecker erst stabilisiert werden. „Die Hormonachsen waren praktisch komplett ausgefallen, der Natriumwert im Blut gefährlich niedrig“, so Podlesek. „Eine solche Hyponatriämie kann Krampfanfälle und eine Hirnschwellung auslösen und macht jede Narkose zum Risiko. Der Natriumspiegel wurde deshalb über mehrere Tage vorsichtig angehoben – eine zu schnelle Korrektur kann bleibende neurologische Schäden verursachen. Parallel wurden die fehlenden Hormone ersetzt, allen voran das Stresshormon Cortisol.“ Es reguliert den Energiestoffwechsel und den Blutdruck.
Minimalinvasiver Eingriff durch die Nase
Eine Woche später konnte operiert werden. Das Hypophysenadenom wurde minimalinvasiv durch die Nase entfernt. „Wir kennen die Risiken und wissen, wie man sie behandeln muss“, sagt der Facharzt. „In unserem Fach gilt der Grundsatz: Der Patient darf nicht schlechter aus dem OP kommen, als er hineingegangen ist. Erst recht nicht bei Hirntumoren.“
Die OP verlief laut Podlesek wie im Buche. Schon drei Tage danach konnte Ecker wieder Zeitung lesen – die Sehstörungen waren weg. Vier Wochen nach der OP hat sich sein Gesundheitszustand deutlich gebessert. Er muss sich aber vorübergehend schonen. Gartenarbeit, Autofahren und alles, was mit körperlicher Anstrengung zu tun hat, sind noch tabu. Eine ungewohnte Situation für den aktiven Vorruheständler. Dem Team der Neurochirurgie der LA-Regio Klinik Landshut-Mitte ist er dankbar: „Ich habe mein altes, neues Leben wiederbekommen.“
Zu diesem neuen Leben gehören regelmäßige Blutkontrollen und eine engmaschige endokrinologische Betreuung. „Bei manchen Patienten produziert die Hirnanhangsdrüse bestimmte lebenswichtige Hormone dauerhaft nicht mehr“, erklärt Privatdozent Dr. Podlesek. „Diese müssen dann medikamentös ersetzt werden – im Einzelfall ein Leben lang.“
Am Dienstag, 13. Oktober, um 18.30 Uhr spricht Christian Klauwer, Oberarzt für Neurochirurgie, im Rahmen der neurochirurgischen Vortragsreihe an der LA-Regio Klinik Landshut-Mitte darüber, wie man Hypophysentumoren früh erkennen und erfolgreich behandeln kann. Der Vortrag „Wenn die Augen die Warnsignale senden“ findet im Raum Hammerbach der Klinik Landshut-Mitte statt. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

