
Landkreis Landshut (09.09.2016) Ein Jahr nach dem „Wir schaffen das!“-Satz von Kanzlerin Angela Merkel und angesichts einer Fülle unbewältigter Aufgaben rund um die Flüchtlingskrise ist Landrat Peter Dreier erneut ein gefragter Gesprächspartner überregionaler Medien: Gegenüber „France 2“, dem größten öffentlich-rechtlichen Sender Frankreichs, dem deutschen Nachrichtenkanal N 24 und der „Bild“-Zeitung hat Dreier in den vergangenen Tagen seine Sicht der Lage dargelegt.
Bei der „Herkules-Aufgabe“ der Integration
gehe es kaum voran; in Berlin agiere man viel zu wenig, es werde
bis heute im Wesentlichen nur reagiert – auf Druck aus den
Ländern, den Kommunen oder der vielen Bürger, die mittlerweile
rechtspopulistischen Kräften zweistellige Wahlergebnisse
bescheren.
Die Busfahrt-Aktion, bei der Landrat Dreier mit 31 Asylbewerbern nach
Berlin „unter das Fenster der Bundeskanzlerin“ („France 2“-Korrespondent
Amaury Guibert) gefahren ist, hat im Januar ein weltweites Echo
gefunden, von China bis Kalifornien. Wie ist die Situation heute in dem
Landkreis, dessen Landrat die gewaltigen praktischen Probleme bei der
Bewältigung des Flüchtlingsstroms in die breite Öffentlichkeit getragen
hat? Würde Dreier „wieder mit einem Bus in die Bundeshauptstadt
fahren“? Wie viele der „Berlin-Fahrer“ wohnen heute noch im Landkreis
Landshut?
Das waren einige der Fragen, die Landrat Peter Dreier bei Interviews in
Studios von N 24 in der vergangenen Woche in Berlin beantwortete und
gegenüber Redakteuren von „France 2“ und „Bild“ im Landratsamt. Wenn
sich die Situation erneut so zuspitzen würde wie im Herbst und Winter
könnte er sich vorstellen, wieder eine aufrüttelnde Aktion ins Leben zu
rufen, legte Dreier gegenüber „Bild“-Reporter Karsten Riechers dar – aber
diesmal nur zusammen mit anderen Landräten und Bürgermeistern. Er
habe nicht nur Tausende von zustimmenden Rückmeldungen aus der
Bevölkerung aus ganz Deutschland erhalten, sondern auch viel aus der
Politik, „bis hinein ins bayerische Kabinett“, freilich nur hinter
vorgehaltener Hand.
Aber er hoffe sehr, dass so etwas nicht noch einmal nötig sein werde:
Denn Deutschland könne keine weitere derartige Zuwanderungswelle
stemmen. Auch wenn sich Kanzlerin Merkel bis heute weigere, das Wort
Obergrenze zu benutzen, wisse doch jeder, dass es Grenzen der
Aufnahmefähigkeit und Belastbarkeit gebe – gerade auch bei den
Kommunen, bei den Landkreisen, Städten und Gemeinden, in denen sich
das Geschehen abspielt und all die Alltagsprobleme gelöst werden sollen.
Durch die Schließung der Balkan-Route seien seit März auch in den
Landkreis Landshut praktisch keine neuen Flüchtlinge gekommen. Derzeit
leben rund 1200 Flüchtlinge im Landkreis Landshut. Rund 670 von ihnen
sind anerkannte Asylbewerber; im Landratsamt rechnet man damit, dass
zwischen 300 und 400 Personen im Rahmen des Familiennachzugs
hinzukommen werden.
Von den 29 Flüchtlingen, die im Januar aus Berlin wieder mit
zurückgefahren sind, wohnen noch 14 im Landkreis Landshut. Im Januar
betrug die Zahl der Flüchtlinge in Unterkünften des Landkreises etwa 2200
Personen.
An der Gesamtlage hat sich wenig geändert, wie Landrat Dreier gegenüber
N 24 und „France 2“ resümierte: Mit der Berlin-Busfahrt habe er
insbesondere auf das Problem der sogenannten „Fehlbeleger“ aufmerksam
gemacht: Bei ihnen handelt es sich um anerkannte Asylanten; diese
müssten eigentlich aus den Flüchtlings-Unterkünften ausziehen und sich
eine eigene Wohnung suchen.
Aber es gebe diese Wohnungen halt nicht: Auch in einem ländlich
geprägten Raum wie der Region Landshut fehlt es erheblich an
Wohnraum, der für sozial Schwache, Klein- und oft auch für
Normalverdiener unter der einheimischen Bevölkerung bezahlbar ist. Es
sei vor diesem und ähnlichen Hintergründen kein Wunder, dass viele
Menschen im Land den Eindruck gewönnen, die große Politik kümmere
sich längst nicht mehr um sie, machte Landrat Dreier im Gespräch mit
„France 2“ deutlich.
Was die Integration der Flüchtlinge angehe, sei festzustellen, dass es nicht
nur an Wohnungen für sie mangele: Es bestehe ein erhöhter Bedarf an
Kindertagesstätten und entsprechend an Erzieherinnen, Lehrern,
Sozialpädagogen, an Deutschkursen, Qualifizierungsmaßnahmen und
natürlich am Ende auch an Arbeitsplätzen. Was die Wohnungsfrage
angehe, sei festzustellen, dass es in Bayern 23000 Flüchtlinge gebe, die
als „Fehlbeleger“ in Flüchtlingsunterkünften leben; im Landkreis Landshut
seien es rund 700.
Er könne nicht erkennen, dass die Bundesregierung, die ja verantwortlich
zeichne für die Flüchtlingspolitik, und zum Beispiel Kanzleramtschef und
Koordinator für die Flüchtlingspolitik Peter Altmaier wirklich etwas bewegt
hätten, um das ganze Paket von Problemen spürbar in den Griff zu
bekommen, kritisierte der Landrat: Es werde immer reagiert und nicht
wirklich agiert, Gesetzesvorhaben würden durch Parteienstreit verschleppt
und wenn Gesetze verabschiedet sind, fehle es noch lange an den
Ausführungsbestimmungen und erst recht an ihrer Umsetzung.
Als kennzeichnend für das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis
bezeichnete der Landrat die Summe von 400 Millionen Euro, die der Bund
heuer für die Flüchtlingsunterbringung zur Verfügung stellt: Auf den
Landkreis Landshut entfielen davon 420.000 Euro. Aber schon jetzt lägen
die tatsächlichen Kosten für den Kreis bei rund einer Million Euro, fürs
ganze Jahr rechne man mit mindestens 1,6 Millionen Euro, legte Dreier
dar. Ohne das immense ehrenamtliche Engagement ungezählter Bürger
wären die Aufgaben schon bald nicht mehr zu bewältigen gewesen.
Er wagte gar nicht, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn die Balkan-Route
nicht durch die bekannten Staaten geschlossen worden wäre, erklärte
Landrat Dreier – und wenn dem Landkreis bis heute 70 Flüchtlinge pro
Woche zugeteilt und per Bus vors Landratsamt gefahren würden. Eines sei
bei allem klar: Der Bund muss sich nach Dreiers Worten weit mehr und
vor allem auch mit mehr Finanzmitteln engagieren, damit die
gesamtstaatliche Herausforderung der Integration von über einer Million
Zuwanderern gelingt und der soziale Frieden im Land nicht Schaden
nimmt.
Im Bild oben: Landrat Peter Dreier in seinem Amtszimmer im Interview mit Amaury Guibert, Berlin-Korrespondent des Fernsehsenders „France 2“: In den vergangenen Tagen ist Dreier erneut mehreren überregionalen Medien Rede und Antwort zu den Themen Flüchtlingskrise und Integration gestanden.

